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Reflexion und Provokation

Neustart

Wir ahn­ten es, aber jet­zt wis­sen wir es.

Wir wis­sen, dass Euch „Lagerkoller“ überkommt, wenn Ihr zwei Monate in Euren Woh­nun­gen mit Euren eige­nen Kindern ver­bringt.

Was wisst Ihr über das Leben in wirk­lichen Lagern?

Wir wis­sen jet­zt, dass Ihr für zwei Monate bere­it seid, „das Leben“ über „die Wirtschaft“ zu stellen.

Wisst Ihr auch, dass viele von uns die behin­dert wer­den oder über 50 sind Euch das nicht so ganz abnehmen?

Wir wis­sen jet­zt, dass Ihr nach zwei Monat­en ohne pro­fes­sionellen Haarschnitt lei­det und auch den*die Friseurin Eures Ver­trauens bemitlei­det.

Wisst Ihr auch, wie Kleinunternehmer*innen und Solo-Selb­ständi­ge klarkom­men wenn sie selb­st krank sind oder ein Kind gebären?

Wir wis­sen jet­zt dass es ein bißchen pein­lich ist wenn Ihr ger­ade Videokon­ferenz habt und dann kommt die Katze und will gestre­ichelt wer­den.

Wisst Ihr wie Allein­erziehende Arbeit und Kinder­be­treu­ung hinkriegen?

Wir wis­sen jet­zt, dass Ihr total dankbar seid dass Kranken- und Altenpfleger*innen ihren Job machen.

Wisst Ihr auch dass man sich aus Dankbarkeit kein Essen kochen kann?

Wir wis­sen jet­zt, dass Deutsch­land Gren­zen immer noch nicht für Men­schen, son­dern nur für Arbeit­skräfte öffnet.

Wisst Ihr das auch oder guckt Ihr Euch lieber die Fotos von 2015 an als Ihr mit Willkom­menss­childern posiert habt?

Wir wis­sen jet­zt dass Ihr Online-Beschu­lung total anstren­gend und ungerecht find­et.

Wisst Ihr, dass manche Kinder sie angenehmer find­en als Unter­richt an Schulen die unter Inklu­sion ver­ste­hen dass sich alle gefäl­ligst gle­ich zu benehmen haben?

Wir wis­sen jet­zt, dass Ihr die Arbeits­be­din­gun­gen der Men­schen die in Schlachthöfen arbeit­en nicht gut find­et.

Wisst Ihr auch, dass die Arbeit dort auch vorher schon Arbeiter*innen krank gemacht hat?

Wir wis­sen jet­zt, dass viele von Euch Hanau schnell vergessen haben.

Wisst Ihr, dass viele von uns jeden Tag daran denken?

Wir wis­sen jet­zt, dass Ihr eigentlich Kon­sumverzicht ganz entspan­nend find­et und die näch­ste Urlaubreise auch mal warten kann.

Wisst Ihr schon, wie lange Ihr bei dieser Mei­n­ung bleiben werdet?

Wir wis­sen jet­zt, dass Ihr mit weniger Autoverkehr in den Städten bess­er atmen kön­nt.

Wisst Ihr, was #icant­breathe bedeutet?

Wir wis­sen jet­zt, dass Ihr es wichtig find­et mit Freund*innen an der frischen Luft Sport zu treiben, ger­ade wenn Ihr son­st nicht von Eur­er Kle­in­fam­i­lie wegkommt.

Wisst Ihr auch, dass für manche von uns zum Fam­i­lien­leben auch Tan­ten, Onkels und erwach­sene Kinder gehören?

Wir wis­sen jet­zt, dass Ihr kein grund­sät­zlich­es Prob­lem mit Gesichts­be­deck­un­gen habt.

Wisst Ihr auch, dass wir Eure Dop­pel­moral bemerken?

Wir wis­sen jet­zt, dass Ihr zwar mächtiger seid, wir aber stärk­er.

Wir sind aus Erfahrung krisen­fest.

Für manche von uns ist jeden Tag Lock­down.

Was nicht heisst dass wir weniger Angst und Schmerz empfind­en.

Was haben die Erfahrun­gen und Erken­nt­nisse der let­zten Wochen bei Euch bewirkt? Wohliges Gruseln und Erle­ichterung dass der Spuk erst­mal vor­bei ist (bzw. in Indi­en und Brasilien wütet wo die Men­schen ja anscheinend das Lei­den irgend­wie bess­er drauf haben als Ihr)? Oder die Ein­sicht, dass viele der Prob­leme auf die Ihr in den let­zten zwei Monat­en so empathisch reagiert habt auch schon vorher da waren?

Vergesst nicht was Ihr in den let­zten zwei Monat­en gese­hen, gehört, gesagt, geschrieben und ver­sprochen habt.

Neustart. Reset. Rev­o­lu­tion. #jet­zter­strecht. Mit ganz viel Liebe.

Denn auch in mir ist manch­mal viel „Ihr“ und in vie­len von „Euch“ viel „uns“. Lasst uns das, genau­so wie unsere Unter­schiede, nicht vergessen.

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